finnische Impressionen -> Barbara
Barbara
(Begegnungen mit einer Inselbewohnerin)

mit dem Ruderboot unterwegs

Wer sich – wie wir – im Gewirr der schier zahllosen Inseln, einsamen Buchten und kleinen Felsen hier im Gebiet des Haukivesi-Sees herumtreibt, ganz im Osten von Finnland, der wird unweigerlich irgendwann einmal Barbara begegnen.
Plötzlich taucht sie auf, der Wind zaust ihre braunen Haare und ihre fröhlichen, wachen Augen mustern unsereinen ein bißchen neugierig oder vielleicht auch herausfordernd. So, als wollte sie gleich als erstes wissen, ob und wie es uns denn hier gefällt, in „ihrem“ Reich.
Meist hat sie Gummistiefel an, vielleicht einen selbst gestrickten Pullover oder auch einen Anorak, denn auch im Sommer kann es rasch einmal kühl werden oder regnen. Sie ist in ihrem blauen, schlanken Kajak unterwegs oder auch im behäbigeren roten Ruderboot mit dem winzigen Außenbordmotor.


Abendstimmung am Haukiwesi

Ehe wir es recht wahrgenommen haben, hat sie uns schon hineingenommen mitten in ihr so ganz anderes Leben. Wir sind sofort gefesselt von ihren Erzählungen. Munter sprudelt aus ihr heraus, dass sie vor über 30 Jahren das erste Mal in Südostfinnland gewesen ist, dass dieses Land sie zunehmend in seinen Bann gezogen hat und dass sie vor 12 Jahren dann endgültig hier geblieben ist. Nämlich ebenfalls auf einer kleinen Insel, einige hundert Meter entfernt vom Festland.


ohne Titel
 
Morgennebel im Mai, das Eis löst sich auf
 


Hier wohnt sie seither in einem winterfesten, sehr anheimelnden Holzhaus. Jetzt im Sommer bringen ein paar liebevoll gepflegte Blumen bunte Farbtupfer in das vorherrschende Grün der finnischen Birken, Pappeln und Nadelbäume. Überall auf der Insel sieht man aufgestapelte Holzscheite: Brennholz für die langen Wintermonate. Ein schmaler Pfad führt auf den „Berg“ des Eilands, einen etwa 20 Meter hohen Felsen mit einer grandiosen Aussicht auf die Umgebung.


Eisschollen

Barbara hat oft Gäste, finnische Nachbarn oder deutsche Ferienbesucher, die einfach mal vorbei schauen und darauf vertrauen, nicht hungrig wieder weggeschickt zu werden. Und wenn man großes Glück hat, gibt’s eine Dose Bier oder einen Schluck Kognak zur Begrüßung, denn auch heute noch ist der Alkohol in Finnland sehr teuer und keineswegs überall zu haben. Freunde oder Angehörige aus Deutschland füllen jenes kleine Depot immer einmal wieder auf, denn ein kräftiger Schluck hat - etwa für kleine handwerkliche Hilfeleistungen auf der Insel - durchaus den Effekt einer höchst begehrten Sonderwährung!


im Kanu unterwegs

Jetzt im Juni brüten überall die Wasservögel und führen bald ihre Jungen aus. Barbara kennt die Nistplätze der Möwen und Haubentaucher oder die grob zusammengefügten Horste der Seeadler. Am Ufer, aber auch am Land wachsen alle Pflanzen fast sichtbar schnell. Innerhalb weniger Tage ist dort ein Schilfgürtel erschienen, wo vorher nichts zu sehen war. Und man kann kaum glauben, dass noch am ersten Mai eine Eisschicht alles zugedeckt hatte. Gerade in diesen Zeiten des Wechsels vom Winter zum Sommer oder in der Dämmerung zwischen Nacht und Morgen gelingen Barbara mit ihrer Kamera die eindrucksvollsten Bilder und Naturaufnahmen.

Übrigens kann sie in diesen Zeiten, wenn das Eis kommt oder geht und schmilzt, tage- oder gar wochenlang ihre Insel nicht verlassen. Dann trägt das neue Eis noch nicht oder nicht mehr, und mit dem Boot kommt man ebenfalls nicht voran, da riesige Eisklumpen überall fest frieren und das Boot unbeweglich wird.


Barbara

In den vielen Jahren Einsamkeit gab es nicht eine langweilige Minute, versichert sie uns. Wenn sie nicht in ihrem Haushalt tätig oder auf Fischfang aus ist, sich um Holz kümmert oder als Fremden- und Naturführerin unterwegs ist, beobachtet sie die Natur und dokumentiert alles auf ihren ausgedehnten Touren genau und fast professionell mit ihrer Kamera.

Als wir uns herzlich von ihr verabschieden wissen wir, dass wir ihr irgendwann einmal wieder begegnen werden. Sie hat uns gezeigt, wie man in und mit der Natur leben kann, fern von jeder Hektik und allen Zwängen, Pflichten und Notwendigkeiten.

 
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© Prof. Uhlich, 2005