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Albanien Reisebericht


Schulkinder

I.

Die repräsentativen dreistöckigen turmförmigen Häuser mit zwei vorspringenden Flügeln fallen sofort auf. Wir finden schmale, steile Gassen mit kleinen Geschäften, malerische, zum Teil verfallene Häuser, die sich die Hänge hinauf ziehen bis dicht unter die Festungsmauern. Oftmals stützen Holzstreben weit überkragende Dächer.

 

Gjirokaster

Haus mit zwei vorspringenden Flügeln
 


Wir sind – 31 km auf bester Asphaltstraße von der südlichen griechisch/albanischen Grenzstation Kakavi kommend – in Gjiorokaster angekommen und parken die Autos auf dem zentralen Platz, um das Provinzstädtchen – sozusagen ein einziges Museum – zu Fuß zu erkunden. Dabei ist der Blick von der Festung (mit einem kaum lohnenden Militärmuseum) über die Stadt, das Tal des Drino und die Bergketten zu beiden Seiten ganz besonders schön.

 

See "blaues Auge"

Wir fahren ein Stück zurück um dann auf einer (schlechten) Straße nach rechts in Richtung Osten das Gjioro-Gebirge zu überqueren mit herrlichen Ausblicken, auch auf das unter uns liegende „blaue Auge“, einen von mehreren kleinen aber ganz klaren und kalten Seen dieser Region.

Besonders gut erhalten die von vier Toren unterbrochene hohen Schutzmauer der
Kirche von Garde.

 


Saranda liegt in Sichtweite der griechischen Insel Korfu und hatte schon seit 2000 Jahren eine große Bedeutung als Hafenstadt. Uns fällt ein erstaunlicher Bauboom auf mit zahllosen halbfertigen Hotels, einer endlosen Strandpromenade und einer Kette von Restaurants, Cafes, Bars oder Imbißstuben.


Saranda

Hier landen übrigens auch die Tages- und Kurztouristen aus Italien und Griechenland. Es herrscht so etwas wie Aufbruchsstimmung: man will endlich auch am Tourismusgeschäft teilhaben!

Wir fahren nun (ganz geruhsam in zwei Tagen auf z.T. sehr schlechten Straßen) etwa 200 km in nördlicher Richtung an der Küste entlang über Vlora nach Fier. Immer wieder sehen wir die Betonbunker aus den Zeiten des „kalten Krieges“. Sie wurden zu hunderten Mitte des letzten Jahrhunderts gebaut und zerbröseln nun langsam.

 

"Hauptstrasse" an der Küste

überall Betonbunker
 


Wir kommen auf unserem Weg an völlig einsamen Kies- oder Sandbuchten vorbei, die allerdings gelegentlich nicht ganz einfach zu erreichen sind. Oft mühen wir uns mit 10 oder 15 Stundenkilometern über die Schotterpisten, welche die einzige Nord-Süd-Verbindung an der Küste darstellen.


einsame Buchten an der Adria

Landschaftlich ist es wundervoll, besonders auf dem Llogara-Paß, der sich über 1000 m hoch erhebt und einen grenzenlosen Rundblick auf die Küste und das Meer bietet. Die Stadt Fier ist ein geschäftiges und quirliges Unterzentrum, das wir rasch wieder in westlicher Richtung verlassen, um nach Apollonia zu kommen.

 
 



Wegweiser nach Apollonia

II.

Etwa 5 km westlich von Fier hätten wir den blauen Wegweiser nach Apollonia fast übersehen. Doch dann stehen wir in der bedeutendsten griechischen Siedlung Albaniens, nämlich dort, wo schon Kaiser Augustus studiert hat. Apollonia war zu jener Zeit eine Hafenstadt, die aber allmählich versandet ist. Im Zentrum der alten Stadt erkennen wir die Säulen vor dem Rathaus, das Theater oder die monumentale Anlage einer Stoa.

 
 

Ganz ungewöhnlich für uns, die wir gerade aus Griechenland kommen, „leben“ die Besucher in diesem archäologischen Gelände mit ihrer Geschichte. Sie machen bei den alten Mauern Picknick und lassen alle Reste liegen, spielen Fußball zwischen den Säulen, toben mit ihren Kindern und Hunden über das Theater während aus einer Kneipe von der Akropolis Tanzmusik erschallt....

 

Theater in Appolonia

Klosterkirche in Appolonia
 


Unmittelbar benachbart das Kloster mit der Marienkirche, mit einem „verzogenen“ Grundriß, worauf unser exzellenter DuMont Kunstführer aufmerksam macht. Außerdem: außergewöhnliche Mauertechnik, herrliche Kapitelle mit Tieren, eine Zisterne in der Vorhalle, Fresken.

 

Kapitelle

Detailaufnahme Marienkirche
 


Wir fahren weiter und biegen von Süden kommend am Ende des Dorfes Kolonja auf eine neue, hervorragende Straße nach links ab, die nach 3 km zu einem Hotel und dem Kloster Ardenica führt. In der Marienkirche begeistern uns die prächtige Ikonostase, die Kanzel und sehr gut erhaltene Wandmalereien. Der Museumswärter achtet streng darauf, daß nicht fotografiert wird!

 

Klosterumgang

Kloster Ardenica
 


Detailaufnahme

Nach etwa einer halben Stunde Fahrt biegen wir in Lushnia wieder nach Süden: die museale Stadt Berat steht auf unserer Besuchsliste.


Triada-Kirche in Berat

Man sollte zuerst auf die Festung hinauffahren und sich (von einer bereitstehenden Führerin z.B. in englisch) durch die noch heute bewohnte obere Stadt führen lassen. Hier nur einige Stichworte: Marienkirche und Onufri-Museum (ein „Muß“!), Hagia Triada, Zitadelle, rote Moschee und der Blick von oben über die beiden „alten“ und den „sozialistischen“ Teil der Stadt Berat.

 

typische Häuser der Altstadt

Moschee in der Altstadt
 


Wenn man dann anschließend (gute Parkmöglichkeiten) zu Fuß durch die alten Bezirke von Berat streift, wird man vielleicht ein wenig teilhaben können am täglichen Leben und Treiben der Bevölkerung und sich einen Espresso oder Saft leisten.

 

Piste

liebliche albanische Landschaft

 

 

III.

Unser nächstes Ziel müssen wir uns hart erkämpfen. Auf winzigen Straßen geht es langsam, manchmal quälend, wieder nach Norden. Wir kommen dabei durch eine fruchtbare Gegend, die wohl noch nie einen Touristen gesehen hat, mit malerischen kleine Seen und intensiver Landwirtschaft.


Feldarbeit mit der Hand

Doch endlich erreichen wir Elbasan und finden problemlos das historische Zentrum, genannt „Scampa“. Es ist ein durch hohe Mauern abgegrenztes Geviert, das man (zu Fuß) durch eines der stattlichen Tor betritt. Neben einigen neuen haben sich viele alte Gebäude erhalten, z.B. die Moschee oder die Marienkathedrale.


Gäßchen in 'Scampa'

Hier empfängt uns ein orthodoxer Priester, der uns begeistert sein Reich zeigt, erklärt und uns „ausnahmsweise“ gestattet, einige prächtige Schätze der Kirche zu fotografieren.

 

Marienkathedrale

geschnitzte Ikonostase
 


Am zunehmenden Verkehr merken wir, daß wir uns der Hauptstadt Tirana (ca. 0,3 Mio. Einwohner) nähern. Seit Wochen hatten wir keine verstopften Straßen mehr erlebt! Mühsam gelingt es uns, die Autos zu parken. Dann sind wir auf dem großen, zentralen Skanderbeg-Platz, auf dem sich auch ein großes Reiterstandbild des Volkshelden findet. Wir besuchen des sehr informative Historische Museum dort, das sich durch ein sozialistisches Monumentalgemälde nicht verfehlen läßt, nehmen das Hochhaus des Tirana-Hotels zur Kenntnis und besuchen die Ethem Bey Moschee.


im Innern der Moschee

Die Reklame einiger großer internationaler Firmen, Internet-Cafes, paar protzige Limousinen und aktuelle Kinoreklamen bemühen sich, weltstädtisches Flair zu vermitteln. Es gelingt aber nicht ganz!

 

Skanderberg und Moschee

Historisches Museum in Tirana
 


Am Ende unserer Reise steht ein Besuch von Durres und schließlich von Shkodra. Nach Durres, der eher kleinen Stadt am Meer (ca.100.000 Einwohner) führt eine Autobahn: wir sind rasch dort. Wenige Schritte vom Hafen entfernt findet man unmittelbar neben modernen Häusern das antike Theater. Wir spazieren durch die unterirdischen Gänge und sehen – eine Besonderheit – eine kleine Kapelle mit den Resten eines Altars und ganz gut erhaltenen Wandmosaiken. Z.T existiert noch eine gewaltige Stadtmauer.


Kapelle im Theater, Durres

Südlich von Durres zieht sich ein schier endloser Strand entlang, der allerdings nur an wenigen Stellen frei zugänglich ist, weil überall ein enormer Bauboom mit Hotels, Appartmenthäusern oder Bungalows eingesetzt hat.


Turm der alten Stadtmauer

An unserem letzten Tag kommen wir nach Shkodra, machen aber keine kulturellen Besichtigungen mehr, da es in Strömen regnet. Immerhin hält die Stadt noch eine interessante Begegnung für uns bereit: Wir besuchen eines von drei Wohnheimen Albaniens, das sich um etwa 60 z.T. behinderte Kinder (8-14 Jahre) aus schwierigen sozialen Verhältnissen bemüht. Wir sind erstaunt, wie ehrgeizig das Projekt ist, wie sauber und ordentlich die Zimmer sind und wie engagiert die Sozialarbeiterinnen mit den Kindern umgehen. Trotz erkennbarer Armut ein hoffnungsvoller und ermutigender Eindruck.

Wir nehmen Abschied von Albanien und sind dankbar für die tiefen Eindrücke dieser Reise und für ganz neue Erfahrungen.


Camp der beiden Fahrzeuge

Überwältigend

die große Freundlichkeit der Menschen – auch ohne Sprachkenntnis,
die Schönheiten der Landschaft – trotz abenteuerlicher Straßen,
die kulturellen Zeugnisse einer bewegten Geschichte – trotz der Schwierigkeiten, sie immer zu finden.
 
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© Prof. Uhlich, 2005